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Zwischen Arbeitslosigkeit und Berufsverbot: Die deutschsprachige Ärzte-Emigration nach Palästina 1933–1945

✍ Scribed by Dr. Hans-Peter Kröner


Book ID
102758930
Publisher
John Wiley and Sons
Year
1991
Tongue
German
Weight
806 KB
Volume
14
Category
Article
ISSN
0170-6233

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✦ Synopsis


Teil I1 4 Der Kampf gegen den Nurnerus Clausus Die ,Organisation of Physicians without Licences' hatte sich gebildet, weil die Mandatsregierung zum Beginn des Jahres 1936 einen Numerus Clausus in der Lizenzvergabe fur judische Arzte eingefuhrt hatte, was bei der groi3en Zahl auf eine Lizensierungssperre hinauslief. Nachdem sich die Geriichte um die Einfiihrung eines solchen Numerus Clausus im Friihjahr 1935 verdichtet hatten, hatte die Exekutive der Jewish Agency in einem Schreiben an die Mandatsregierung vom 3. Mai diesbezugliche Aufklarung verlangt. In einem Antwortschreiben vom 19. Juni 1935 bestatigte die Mandatsregierung entsprechende Plane. Die Exekutive der Jewish Agency ging daraufhin in einem ausfuhrlichen Schreiben auf die Argumente der Mandatsregierung ein 64. So behauptete sie, die hohe Zahl an Lizensierungen wiirde ein falsches Bild vom tatsachlichen Anwachsen der Arztezahl wiedergeben, da ein betriichtlicher Anteil der lizensierten Arzte nicht praktiziere. Die Englander hatten argumentiert, dai3 eine bedingungslose Lizensierung, wie sie bis dahin in Palastina praktiziert worden war, dem Qualifikationsniveau des arztlichen Standes abtraglich sei, und auf die Konditionen verwiesen, die in England die staatliche Zulassung regulierten 6 5 :

In England the alien is debarred unless he holds a British medical qualification or a qualification of one of the few countries with which there is full reciprocity of recognition of medical diplomas.

Da in

Palastina nur Neueinwanderer von den Restriktionen betroffen sein wiirden, die die Burgerschaft erst noch erwerben mufiten, entgegnete die Jewish Agency mit Recht, dai3 diesen Restriktionen kein Qualitatskriterium zugrunde lage, sondern schlicht das Kriterium der Staatsburgerschaft. Dariiber hinaus verwehrte sich die Jewish Agency dagegen, Analogien zwischen Landern im Herzen Europas zu ziehen66, wo ein alter etablierter Stand mit grofier Tradition den hohen Standard seiner Berufung aufrechterhielt, und einem neuen Land wie Palastina, das nur gewinnen konnte durch die Zulassung neuer medizinischer Begabungen.

Warnend fuhr sie fort67:

It is surely no exaggeration to say that the immigration in recent years of distinguished physicians, surgeons and specialists, particularly from Germany, has tended greatly to raise the level of the medical profession in this country and that it has already, in a short time, made Palestine a medical centre for the neighbouring * [Teil I: S. 1-14.] -Fur ihre Archivarbeiten in Israel danke ich ganz besonders Frau Ursula Weissler. Des weiteren danke ich Herrn Eli Rothschild, der Frau Weissler Einblick in sein Privatarchiv gewahne, sowie Herrn Dr. Doron Niederland und Herrn Dr. Hermann Steinitz, die ihr mit weiteren Informationen zur Verfugung standen. Dieser Aufsatz ist die neubearbeitete und erweiterte Version eines Vortrags, gehalten am 27.5.1989 auf dem internationalen Symposium ,,Zur Wirkungsgeschichte der deutschsprachigen Emigration" an der Technischen Universitat Berlin. Die Arbeit wurde aus Mitteln der VW-Stiftung gefordert.