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Tunnelbau zwischen Faszination und Realität

✍ Scribed by Hans-Wilhelm Dorgarten


Publisher
John Wiley and Sons
Year
2008
Tongue
German
Weight
70 KB
Volume
103
Category
Article
ISSN
0005-9900

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✦ Synopsis


Bei einem Themenheft "Tunnelbau" drängen sich mir verschiedene Aspekte für das Vorwort auf. Als erstes möchte ich auf den Umgang mit Innovationen und technische Neuerungen eingehen. Heutige Großprojekte wie der Gotthard oder der Brenner Basistunnel stoßen in Grenzbereiche vor, die nur durch vielfältige Innovationen bei Bauverfahren, Baustoffen, Maschinentechnik etc. beherrschbar gemacht werden können. Aufgrund der langen Vorlaufzeiten geht dies oft nur in Innovationspartnerschaften zwischen Bauherrn, Planern, Forschern und bauausführenden Firmen. Nur so lassen sich anspruchsvolle Entwicklungen zielgerichtet zur Ausführungsreife führen und dabei in laufende Planungsprozesse integrieren. Solche Innovationspartnerschaften erfordern aber einen geeigneten organisatorischen und vertraglichen Rahmen, wie ihn z. B. das britische "Early Contractor Involvement" bietetsonst scheitern sie an den Hürden des gängigen Vergaberechts.

Dies leitet über zum zweiten Thema, den Verträgen -genauer: der Fairness und Ausgewogenheit der Verträge. Heutige Tunnelprojekte sind durch eine Vielzahl technischer, vertraglicher, terminlicher und anderer Risiken geprägt -die "einfachen" Tunnel sind längst alle gebaut. Unter solchen Randbedingungen ist es unverständlich und gesellschaftlich unverantwortlich, dass die meisten Tunnelprojekte weiterhin an den "Billigsten" vergeben werden, dem zudem noch alle erdenklichen Risiken übertragen werden. Hier ist endlich Vernunft und Einsicht gefragt, dass nur faire Verträge mit ausgewogener Risikoverteilung (richtiger: Chancenund Risikoverteilung!) eine partnerschaftliche Zusammenarbeit begründen. Was andere Länder wie Dänemark, Schweden oder Großbritannien längst vorleben, sollte endlich auch in Deutschland Einzug nehmen. Denn letztlich wird hierüber auch die Qualität auf einer Baustelle bestimmt! Thema drei: die Ingenieurausbildung -oder: "wohin führen uns Bachelor und Master?" In Zeiten ohnehin knapper Personalressourcen befindet sich die Ingenieurausbildung in einem fundamentalen Umbruch, dessen Ergebnis ungewiss und fragwürdig ist. Zunächst besteht begründete Skepsis, ob der Bachelor wirklich einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss darstellt; die hohen Anforderungen des Markts geben aber keinen Raum zum "Experimentieren". Zudem nimmt man Anzeichen aus der Hochschullandschaft wahr, dass hohe Durchfallquoten in den klassischen Grundlagenfächern zum Absenken des Niveaus und der Anforderungen führen, um nicht noch mehr Studienabbrecher zu riskieren. Das klingt wie die berühmte "Wahl zwischen Pest und Cholera" -dem Personalmarkt werden entweder noch weniger oder noch schwächere Absolventen zugeführt.

Um diese Situation nachhaltig zu verbessern, kann meines Erachtens nur eine breite Initiative zur Imageverbesserung des Bauingenieurberufs helfen, nicht jedoch die Niveaureduzierung eines ohnehin schon schwachen Bachelor-Abschlusses. Die Basis dafür ist gegebenz. B. mit der Faszination, die gerade Projekte des Brücken-und Tunnelbaus bei der jungen Generation haben. Wenn dieses Potential genutzt und in der Gesellschaft entsprechend platziert werden kann, dann werden hoffentlich auch wieder -quantitativ und qualitativ -ausreichend Bauingenieurstudenten und -absolventen da sein, um die Herausforderungen des Infrastrukturbaus anzugehen.


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