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Leserforum: Chemkon 4/2003


Book ID
102099280
Publisher
John Wiley and Sons
Year
2003
Weight
189 KB
Volume
10
Category
Article
ISSN
0944-5846

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✦ Synopsis


Es gäbe viel zu dieser Broschüre zu sagen. Ich habe einen Leserbrief dazu geschrieben und ihn -da ja nicht die Fachgruppe, sondern die GDCh beteiligt war -an die "Korrespondenz" der Blauen Blätter geschickt. Da er sich aber auf einen dort nicht veröffentlichten Artikel bezieht, rechne ich nicht mit einem Abdruck auf der Leserbriefseite der Nachrichten. Deshalb schicke ich ihn auch an Sie. Ich hoffe, dass die Broschüre gelesen wird und in CHEMKON leserbriefförmig Wellen schlägt.

Leserbrief:

In der Broschüre vom Mai 2003, an deren Entstehung auch die GDCh beteiligt war, sind -neben begrüßenswerten Ansätzen und Forderungen -auch völlig unrealistische, widersprüchliche und, wie mir scheint, wenig abgesicherte Gedankengänge enthalten. Ich will nur den Aspekt Freiraum vs. Standardisierung gleich Qualität herausgreifen.

Schulen sollen mehr Freiräume erhalten, um bei "der Entwicklung von Schulprofilen ... innovative Unterrichtskonzepte und Projektideen zu gewährleisten". Die Lehrkräfte sollten "die vorhandenen Angebote der Lehrerfortbildung intensiver nutzen können" und die dadurch gewonnene Qualitätssteigerung sichern und messen, z.B. durch "regelmäßiges Reporting über den erreichten Leistungsstand" (alles S. 6). Während hier noch festgestellt wird, dass "die Durchführung von Projekten ... von den Lehrkräften besonderes Engagement und zusätzlichen Einsatz ... über die regulären Unterrichtsverpflichtungen hinaus" erfordert und selbst "Ausschreibung von Wettbewerben für Projekte" usw. postuliert werden, greifen die Autoren im Detail dann doch wieder "auf den kanonisierten und systematischen Erwerb von ‚belastbarem' fachlichen Grundwissen" als "unverzichtbar" zurück (S. 10). -War die Fachgruppe Chemieunterricht an der Erstellung der Broschüre beteiligt? Hat sie darauf hin gewiesen, dass die derzeitige Fachdidaktik gerade unter diesem Spagat leidet ("Chemie im Kontext" und andere projektähnliche Konzepte vs. Fachsystematik -von der Inkompatibilität zur Schulbuchsituation mal ganz abgesehen). Wie passt das zum Kanon, zur Standardisierung?

Kein Bildungsbericht -seit Sokrates -ohne die Klage über die Verschlechterung der Ausbildungsstandes so auch hier (S. 14f.). Als Abhilfe wird die Einführung des Zentralabiturs (auf Landesebene!) empfohlen. Gibt es eigentlich hierzu Untersuchungen? Sind "Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Disziplin und Belastbarkeit ... bei Studienanfängern" bei Schulabgängern aus Ländern mit Zentralabitur besser und der "Qualitätsverlust des Abiturs" geringer? Sind denn z.B. die bayerischen Hochschullehrer mit ihren Studenten zufriedener als die anderswo? Oder handelt es sich um ein Vorurteil, das durch stete Wiederholung wahr wird?

Dient in den Ländern mit Zentralabitur dieses "der Evaluierung der Qualität des Oberstufenunterrichts"(S. 16) -und inwiefern und für wen? Und was bedeutet der im gleichen Gedankengang genannte Satz: "Auf Basis einer solchen Qualitätssicherung für das Abitur wird auch die von vielen Gymnasien artikulierte Forderung nach Freiräumen zur Gestaltung ihres jeweiligen Profils glaubwürdig." -Ist ein Zentralabitur nicht eher kontraproduktiv zur Einrichtung und Erhaltung von Freiräumen? (Baden-württembergische Kollegen behaupten dies.) Und: Wieso ist sie sonst nicht glaubwürdig? Gehen die Autoren etwa davon aus, dass Gymnasien "minderwertige" Abiturprüfungen durchführten und dass dies durch ein Zentralabitur abgestellt würde? Es steht nicht in der Broschüre! Gibt es wenigstens hierfür Untersuchungen? Die Korrelation zwischen Zentralabitur-Note und Hochschulerfolg ist ja, da quantitativ, einfach festzustellen.

Wie nett, dass "engagierte Lehrer und Lehrerinnen durch Unterrichtsfreistellungen, spezielle Fortbildungsangebote" und finanzielle Anreize gefördert werden sollen. Wäre es nicht effektiver, die Lehr-


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