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Die Zeiten ändern sich. Zur Verwendung des imparfait in narrativen Kontexten

✍ Scribed by Schrott, Angela


Book ID
120596271
Publisher
Walter de Gruyter GmbH & Co. KG
Year
2011
Weight
171 KB
Volume
62
Category
Article
ISSN
0080-3898

No coin nor oath required. For personal study only.

✦ Synopsis


Using the imparfait in narrative contexts seems to contradict the imperfective aspect of the form, as the perfective aspect seems far more adequate in these contexts. In order to understand the effects of this usage, the imparfait narratif is considered on two levels: on the linguistic level of the French language and its aspect system, and on a text level that embraces the cultural discourse traditions that characterise different text types and genres. On the linguistic level, the imparfait is first contrasted to its well-known perfective counterpart, the passé simple. In a second step, the article brings into view the analogy between the présent and the imparfait from a pragmalinguistic perspective: both forms share the inherent reference to an anchor-situation that encompasses a temporal as well as a personal dimension. On the text level, two usage-types of the imparfait in narrative contexts can be distinguished. Whereas the first type emphasises the temporal dimension of the anchor-situation, the second type focuses on the personal dimension and is closely linked to narrative techniques of point of view. As the analysis shows, both types result from the interaction between linguistic form and cultural discourse traditions. In conclusion, the use of the imparfait in narrative contexts in fact indicates a change. However, this change does not take place on the linguistic level of the aspect system but in the realm of the discourse traditions of narration that guide the use of the imparfait in texts.

Eine Verwendung des imparfait, die in der Forschung mehrfach als Indiz für eine Veränderung im temporal-aspektuellen System des Französischen gedeutet wurde, ist dessen Gebrauch in narrativen Kontexten. In diesen Fällen versprachlicht das imperfektive imparfait Handlungen und Ereignisse, die eine Sukzession in der Zeit abbilden und für deren Ausdruck eine perfektiv markierte Form erwartbar ist. Diese der aspektuellen Markierung zunächst widersprechende Verwendung als imparfait narratif ist der Ausgangspunkt für die Frage, ob und inwiefern sich das Profil des imparfait im Französischen verändert 1 .

Grundsätzlich kann die Verwendung des imparfait in narrativen Kontexten auf zwei Ebenen untersucht werden: auf der Ebene des Französischen als historische Einzelsprache und auf der Ebene der Texte, in denen das imparfait verwendet 1 Ich widme diesen Aufsatz dem Andenken meines Lehrers und Freundes Claus Morgenstern (1925Morgenstern ( -2009)). Seine Gedanken zu Tempus und Aspekt haben mich viele Jahre lang inspiriert und begleitet. DOI 101515/roma.62.5 wird. Im ersten Fall steht das Gefüge temporal-aspektueller Formen des Französischen im Zentrum, im zweiten Fall geht es um die Effekte, die das imparfait im Zusammenwirken mit anderen Mitteln der Textgestaltung in Texten erzeugt. Ausgangspunkt des hier gewählten Ansatzes ist, dass erst die Zusammenschau beider Ebenen es ermöglicht, das semantisch-pragmatische Profil des imparfait zu erschließen. Daher steht zunächst die imparfait-Bedeutung im Mittelpunkt, die kontrastiv zum passé simple, vor allem aber im Vergleich zum présent analysiert wird. Diese doppelte Bezugsetzung klärt und erklärt, welche Wirkungen das imparfait in narrativen Kontexten entfaltet und in welcher Weise sich die Traditionalität des Sprechens verändert. Die mit dem Typ des imparfait narratif verbundene Frage nach Stabilität und Wandel des imparfait ist ein geeignetes Feld, um die Dynamik des semantisch-pragmatischen Profils von Aspektformen auch sprachtheoretisch hinsichtlich der in die Sprachverwendung eingehenden Wissensbestände und Traditionen zu charakterisieren. 1. Einzelsprachliche Bedeutung und Textsemantik Für das Wirken des imparfait in Texten ist die Relation von einzelsprachlicher Bedeutung und Textsemantik entscheidend. Grundlegend ist hier das Verständnis der in den Text eingehenden Wissensbestände. Ausgehend vom Modell der Sprachkompetenz nach Eugenio Coseriu werden kategoriell drei Wissensbestände angesetzt: das Wissen um allgemeine Prinzipien und Regeln des Sprechens, das einzelsprachliche Wissen und das kulturelle diskurstraditionelle Wissen 2 . Die Diskurstraditionen sind dabei derjenige Wissensbestand, der die Selegierung sprachlicher Elemente und deren Arrangement in Texten anleitet und damit den Text als Repräsentant einer Textgattung gestaltet und modelliert.

Zunächst zur Semantik der imparfait-Form. Grundsätzlich ist das französische Verbalsystem durch die Besonderheit charakterisiert, dass die Verbalformen sowohl als Tempus als auch als grammatischer Aspekt funktionieren 3 . Während Tempora eine deiktische Situierung in Bezug zur Sprechsituation leisten, modellieren Aspekte den zeitlichen Verlauf des versprachlichten Sachverhalts, ohne eine deiktische Situierung relativ zum ego-hic-nunc zu etablieren. Auch das imparfait erfüllt daher eine temporaldeiktische Funktion und fungiert zugleich als grammatischer Aspekt, sodass die imparfait-Bedeutung temporaldeiktische und aspektuelle Semantik vereint. Der Aspekt ist dabei kein Effekt der temporaldeiktischen Funktion, sondern stellt eine eigene verbale Kategorie dar. Bei der Verwendung des imparfait (oder einer anderen Verbalform) in Texten geht diese temporal-aspektuelle Bedeutung als einzelsprachlicher Wissensbestand in die Textsemantik ein und ergibt in Wechselwirkung mit den anderen im Text präsenten Wissensbeständen


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