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Akute t�dliche Vergiftung durch Einnahme von Kaliumbichromat

✍ Scribed by Kuhle, Johanna ;Scheibe, Ernst ;Bernt, Alfred


Publisher
Springer-Verlag
Year
1958
Weight
967 KB
Volume
81
Category
Article
ISSN
0044-2917

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✦ Synopsis


Akute und tSdliche Vergiftungen mit Chromaten (und auch mi~ Chroms~ure) sind heutzutage Rarit~ten, w~hrend sie frfiher nicht selten vorgekommen sind (Sc~vc~A~DT). Bekannter ist das Bild einer chronischen Chromatvergiftung (TELEKu 1955, dort weitere Literatur), die zu Ulcerationen, Ekzemen, Nasenseptumdefekten und einer erhShten Disposition zum Lungencarcinom (vgl. hierzu PFEIL) ffihrt. Vereinzdt werden F~lle beschrieben, bei denen es durch Verbrennungen mit heiBer Bichromatlauge (BERGHAUS) oder versehentliches Auftragen yon Chromverbindungen auf die Haut (URBAN; FORSCHBACH) durch nachfolgende l~esorption zu ciner Intoxikation kam. Je nach Menge des rcsorbierten Chroms, treten in Intervallen yon ca. einem Tag bis zu mehreren Wochen Nierenparenchymschiiden, besonders des proximalen Tubulusabschnittes auf. Es kommt zur Anurie und zum schnellen Ansteigen der harnpflichtigen Substanzen ; selbst in solchen F~tllen, wo nut eine Oligurie und kein pathologischer Urinbefund gefunden wurde, hat sich sehr schne]l das Bild einer Ur~mie entwickelt.

Die a/cute Vergfftung nsmh peroraler Aufnahme der Chromss und ihrer Salze ist dutch heftige t~eizung des Magens nnd Darms char~kterisiert (yon HOFMA~N-HA]~ERDA; MUELLE~; KRIEGEI~), SO da~ geradezu eine Choleraform der Chroms~urevergiftung beschrieben wurde (JA]~SCI4). D~s Erbrochene kann gelb, bei Kontakt mit leicht oxydierbaren organischen Substanzen blaugrfin oder griin sein. Die Chromate kSnnen sehr schnell resorbiert und auch schnell ausgeschieden werden, wobei es zu schweren Nierensch~digungen kommen kann, vorwiegend mit einer Nekrotisierung des Harnkani~lchenepithels (KABIERSKE; WEIGE~T). Durch Ausscheidung des Chroms sollen auch schwerste Entzfindungen der Darmschleimhaut eintreten kSnnen. Ferner wurden )~tzungen in der SpeiserShre und im Magen beschrieben; im oberen Dfinnd~rm fanden JOHAlVlVA KVlZLE, ]~RI~ST SCHEIBE und A~FRnO Bs~: sich gelegentlich mehlsuppeni~hnliche Massen, im tieferen Diinndarm und im Dickdarm bestand eine starke g6tung der Schleimhaut, die nur noch Reste des abgelSsten Epithels erkennen lieB. Akute Chromatvergiftungen nach innerer Verabreichung --besonders im Kindesalter --sind heutzutage extrem selten. Nach BRUGSCH starb 1930 ein 15ji~hriges Mgdchen, nachdem es etwas Chromsgure getrunken hatte. --Wir beobachteten einen Fall mit folgender Symptomatologie : Am 12. 2. 1957, nachts gegen 1 Uhr 30, nahm der 12j~hrige Hagen U. ein etwa bohnengroBes Stack einer kristallinen orangefarbenen Substanz aus einem Hauslaboratorium zu sieh. Er hielt diese Kristalle fiir Kaliumbiearbonat, das ihm sein Freund gegen Kopfsehmerzen empfohlen hatte. Er muBte bald danach hi~ufig und heftig erbrechen nnd bekam zunehmende Magensehmerzen. Gegen 4 Uhr waren die Sehmerzen so stark geworden, dab er laut sehrie. Den dazukommenden Eltern schilderte er den Vorgang. Es wurde ihm reiehlieh }1ilch eingeflSl~t, die er sofort wieder erbraeh. Das Erbrochene war zuerst intensiv orange gefgrbt, die letzte Milch blieb weiB. Uber Beschwerden hat Hagen dann nicht mehr geklagt. Er wurde gegen 4 Uhr 30 stationi~r eingeliefert.

Bei der Aufnahme war alas Allgemeinbefinden des altersgemal~ entwiekelten Jungen erheblieh gest6rt. Hautfarbe grau-blaB, sichtbare Schleimhi~ute ebenfalls blab, Atmung beschleunigt. Der Junge war sehr sohlgfrig ~ber leicht erweekbar, das Sensorium war frei, er war gut orientiert nnd gab sinngereehte Antworten. Die Sprache erschien verwaschen, was veto Vater als nngew6hnlieh angegeben wurde. Kein Klopf-oder Druckschmerz des Kopfes, keine t~nmpf-und Gliederschmerzen. Pnpillen etwas unter mittelweit, reagierten prompt auf Liehteinfall und Konvergenz. Augenbewegungen in allen Richtungen frei, es zeigte sich ein leiehter EndstelInystagmus. Zunge weil~lich belegt, fencht, der Raehenring gering ger6tet, keine Reizerscheinungen oder Uleerationen an der Mundsehleimhant und im Rachen. Am I-Ials waren Kieferwinkellymphknoten beiderseits tastbar. Der Thorax wurde seitengleich beatmet, war gut gewiilbt. Lunge perkutorisch und auskultatorisch ohne abnormen Befund. HerztSne rein, Aktion regelmi~Big --ca. 80 pro Minute --; Pals etwas geschw~cht. Das Abdomen wies keine Abwehrsparmung auf, es wurde kein Druckschmerz angegeben. Leber und Milz nicht tastbar. Die Eigenreflexe sehr lebhaft, PSR besonders verbreitert, beide ASR zeigten klonische hTachzuckungen.

Inzwischen hatte sich durch Untersuchung der mitgebrachten orangefarbenen Kristalte gezeigt, dai3 sie ~us Kaliumbichromat bestanden.

Therapeutisch wurden anfangs Analeptica i.v. und nach Besserung des Kreislaufes subcutan in regelmgBigem Abstand verabfolg4. Eine Magenspiilung konnte wegen des starken Brechreizes erst nach Atropin (~ nag) durchgeffihrt werden. Kohle-und Magnesia usta-Aufschwemmungen wurden teelSffelweise gegeben, an-schlieBend 300 g Ringer-Tee sondiert und sparer bei zunehmendem Durst reichlich Tee gegeben. Intraven6s wurden auI~erdem 0,07 g Dithioglyeerin verabreicht.

Der Zustand des Jungen war am Vormittag reeht gut. Er hatte keinen Breehreiz mehr, fiihlte sich subjektiv wohl. Nach 12 Uhr --ca. 10 Std nach Aufnahme des Bichromats --wurde er unruhig, die Spraehe wnrde noeh verwaschener. Die Augen waren jetzt haloniert, er wurde zusehens cyanotischer, der Puls kleiner, mi~Big geffillt. Der neurologisehe Befund hatte sich gei~ndert; die Pupillen waren wei~ (Atropin ?), die PSR nicht mehr und die ASR schwach ausl6sbar. Der weitere Verlauf war fondroyant, Hagen begann zu delirieren, hatte Schwindelgefiihle und oftensichtlich aueh Halluzinationen. In tier Agonie traten Nackensteife bei allgemeiner Tonusherabsetzung, frnstrane Atemexkursionen und Inkontinentia recti und vesieae auf. 13 Std nach der Giftaufnahme kam es zum Exitus letalis.


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